die Mutprobe

Die Mutprobe
SPRECHER: Es gibt Geschichten, die kann man nie mehr vergessen. Zwar sinken sie mit der Zeit auf den Grund des Bewusstseins, aber wenn irgendwann zu später Stunde die Rede auf Gespenster kommt – auf Knochenhände zum Beispiel, die aus der Erde nach den Lebenden greifen, dann steigen sie mit ungeahnter Kraft empor. Dies hier ist eine solche Geschichte – und Sie werden sie nie wieder vergessen…
Aber immer wider findet sich jemand, der darauf angewiesen ist, bei solchen Gelegenheiten seinen Mut zu beweisen, weil er Angst hat. In der Runde, von der Ich hier erzähle, ist dies Anita, denn Bruno, dessen Aufmerksamkeit sie gerne hätte, ist eben dabei, eine jener Geschichten zu erzählen:
BRUNO: Und schon die ganze Zeit hatte mein Instinkt mich gewarnt, endlich umzukehren, diese Insel der Toten zu verlassen, aber ich lief immer weiter, und als ich zuhinterst auf dem Friehof San Michele stand, verlor ich ihre Gestalt plötzlich aus den Augen.
ANITA: Wau… die schwarze Frau von San Michele, eine typische Bruno – Geschichte!
BRUNO: Warst du schon mal auf San Michele, Anita?
ANITA: Du meinst auf dem stinkenden Friehof von Venedig? ich habe dort zwar keine Gespenster, dafür mal eine fette Ratte gesehen! So what?
BRUNO: San Michele ist eine Insel, Mädchen, das letzte Schiff geht um 19:30 Uhr!
ANITA: Hast du natürlich verpasst, nicht wahr? – ich kenne doch deine Masche!
SPRECHER: Wer wirklich Angst hat, muss Mut zeigen, denkt daran…
BRUNO: Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich ausser der Schönen Frau in Schwarz keine Menschensele mehr gesehen hatte, und da ertönte unendlich weit weg die Sirene der letzten Fähre!
ANITA: Wusste ich’s doch! Fast wie bei Frankenstein…
BRUNO: Ich bin gerannt, sage ich euch, gerannt um Leben und Tod!
Anita Angst, Bruno du?
Bruno: Als ich den Pier erreichte, hatte die Mannschaft den Steg bereits eingezogen. Ich schrie, gestikulierte wie verrückt und siehe da – sie machten nochmals fest, nahmen mich mit…
ANITA: (inroisch) Typische italienische Beamten.
BRUNO: Sie hatten Verständnis, volles Verständnis…
ANITA: Ist ja klar!
BRUNO: Ok, Anita – meinetwegen für meine Angst…
ANITA: Interessant.
BRUNO: Du würdest natürlich allein auf der Toteninsel bleiben – eine ganze Nacht lang?
ANITA: Warum nicht?
BRUNO: Keine Angst, Anita – Ausgerechnet du?
SPRECHER: Mit flackerndem Blick schaut Anita in die Runde, sieht den Spott aufkeimen, bietet ihm die Stirn…
ANITA: Tote Hunde beissen nicht.
SPRECHER: Hüte deine Zunge, Mädchen!
ANITA: Ich bin jederzeit bereit, das zu beweisen!
SPRECHER: Zu spät…
BRUNO: OK – Anita, Mutprobe! Hier diese Gabel, die steckst du heute um Mitternacht in das hinterste Grab auf dem Friedhof da drüben – traust du dich?
SPRECHER: Nur 1 Sekunde lang schmeckt sie, wie der Speichel auf ihrer Zunge sauer wird. Dann lacht sie auf – vielleicht eine Spur zu frech… und da die Uhr schon gegen Mitternacht zeigt und der Wirt ohnehin zum Aufbruch mahnt, ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Unter allgemeinen Sprüchen bricht man auf. Bruno hilft ihr galant in den Mantel.
BRUNO: Bitte, die Dame… Wer weiß – zum letzten Mal… (Gelächter)
SPRECHER: Und keck wirft sie ihren langen gelben Schal um den Hals.
ANITA: Danke, Buno, wir werden ja sehen!
SPRECHER: Noch begleitet sie die laute Bande bis zum schmiedeisernen Tor des Friedhofs, aber allmählich werden die lustigen Sprüche fader, und als sie sich schliesslich aus der Gruppe löst, ist wohl keinem mehr ganz wohl bei der Sache.
BRUNO: Also dann… viel Glück– und vergisst die Gabel nicht, Anita!
ANITA: OK Volks – see you later!
Man hört das schwere schmiedeiserne Tor sich quietschend öffnen und dann zuschlagen, dann verlieren sich ihre Schritte zögernd auf dem Kiesweg.
SPRECHER: Wenn man wartet, schleicht die Zeit unerträglich langsam dahin, aber als die Uhr vom nahen Kirchturm 1:00 Uhr schlägt ist allen klar, dass irgendetwas geschehen ist.
BRUNO: Ich fürchte, da müssen wir nachschauen – wer kommt mit?
SPRECHER: Vier Burschen begleiten ihn. Sie finden Anita sofort. Sie liegt auf dem hintersten Grab.
Tot.
Die Gabel steckt wie vereinbart in der Erde, nur hat sie in der Hast den langen gelben Schal durchbohrt und Anita, als sie hastig aufstehen wollte, zurückgerissen wie eine Knochenhand aus der Erde.
Kein Schrei kam mehr über ihre Lippen.

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