Beat Ramseyer (Pseudonym Manuel Frey) · 1980
Es ist Nacht. Ich lehne mein Fahrrad gegen den Container der Aloxyd. Ich bin gut dran mit der Zeit. Also erst mal aussen herum. Hinter der Fabrik liegen die verrosteten Fässer immer noch im verdorrten Unkraut. Seit ich dieses Revier übernommen habe, liegen sie da. Sicher kommt sonst nie jemand hierher. Nur ich. Jede Nacht um 11 Uhr 25. Auch das halb umgestürzte allgemeine Fahrverbot starrt ewig gleich aus seinen Rostbeulen in meine Lampe. Gleich dahinter der Stich. Er hängt an einem Fenstergitter. Ich stecke den kleinen Schlüssel in die runde Uhr an meinem Koppel. Mit einem sauberen Knacken stempelt er seine Nummer auf den Zeitstreifen in der Uhr. Der Stich ist wichtig. Zusammen mit der Zeit ist er Zeuge, dass ich da gewesen bin.
Ich betrete das Gebäude durch den Nebeneingang auf der Nordseite. Meine Lampe spiegelt sich in den blinden Scheiben der Holztüre. Auf meinem Schlüsselring reihen sich 35 Passepartouts. Ich finde den richtigen auf Anhieb. Auch im Dunkeln. Man darf einfach nicht zweifeln: ruhig entscheiden, ohne zu denken. Die Überzeugung ist alles. Einführen – er passt.
Der Geruch der Aloxyd nimmt mich auf. Ich schliesse hinter mir ab, genau nach Vorschrift. Gleich hinter der Tür hängt der nächste Stich. Jetzt bin ich drin.
Ich steige die fünf Betonstufen hinauf zur nächsten Tür. Sie ist aus Metall. Dahinter liegt die Bäderhalle. Meine Schritte dröhnen über verzinktes Eisenblechgitter. Der Strahl meiner Lampe verliert sich im stechend riechenden Dunst, der hier immer hängt. Da ist das erste Tauchbecken. Es ist drei Meter breit. Die Länge lässt sich nicht abschätzen, weil ich das gegenüberliegende Ende nicht erkennen kann. Es muss mindestens fünf Meter tief sein, denn hier werden die grossen Aluminiumverschalungen eloxiert, die man an allen Häuserfronten sieht. Der Steg führt über alle Bäder. Ich muss aufpassen, denn er ist an einigen Stellen demontierbar. Nicht alle Arbeiter sind zuverlässig und legen ihn am Abend wieder hin. Im Dunkeln könnte man leicht in die Schwefelsäure stürzen. Da vor acht Wochen hatte ich hier beinahe einen Schock. Da hat einer nach Feierabend einfach seine Handschuhe auf den Beckenrand geschmissen. Schwarze, krumme Finger. Sie griffen direkt vor meinen Füssen aus dem Becken. Es war schrecklich. Ich bin sicher, das war dieser Wälti. Der lässt ja immer alles liegen. In seinem Kästchen hat er die grösste Unordnung. Vorgestern hat er sogar seine schmutzigen Unterhosen in der Garderobe liegengelassen. Ich habe sie ihm an den Handgriff seines Kästchens gehängt, demonstrativ. Weiss er, dass das war? Jedenfalls muss ich aufpassen, bei solchen Typen weiss man nie. Vielleicht fände man am Morgen auch nur noch meine Hände, die aus der Säure greifen.
Die Flaschenzüge der Laufkräne hängen aus dem Nichts. Bei der Führerkanzel ist der nächste Stich. Wenn ich vorbei bin, wird es gleich besser. Eigentlich ist die Aloxyd gar nicht so schlimm. Im anschliessenden Gang liegt bereits Spannteppich. Hier wird präsentiert. Schwarz eloxierte Buchstaben auf mächtigen Glastüren. Haupteingang. Stich am grossen Radiator daneben. Eingang geprüft, Schloss in Ordnung.
Und da ist ja auch schon Fräulein I. Hofer. Irene. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie dasitzt. Langes blondes Haar. Empfang, bitte läuten. Ihr Büro ist hell, das Telefon orange. Seit zwei Wochen hat sie eine IBM. Eine mit Kugelkopf. Da ist es einmal ein Wunder, dass sie einmal vergessen hat, sie abzustellen. Man weiss ja, wie das ist, die Frauen und die Technik. Jedenfalls habe ich keinen Rapport gemacht. Nur ein Blatt aus dem Block hingelegt: «IBM laufen gelassen, habe abgestellt um 11 Uhr 35, der Securitas.» In der nächsten Nacht war ein Bogen in der Maschine: «An den Securitas. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit: Irene.»
Ob sie wohl weiss, wozu der kleine Schlüssel hier in der Toilette dient? vielleicht denkt sie, da gehe ich nicht hinein, sonst würde sie die Schachtel mit den Tampons wegräumen. Wenn sie die Maschine wieder einmal vergisst, schreibe ich einfach: «Freundliche Grüsse, Martin.» Oder besser herzliche statt freundliche? Sicher ist sie noch jung. Könnte meine Tochter sein, wenn ich verheiratet wäre. Durch diese Glastür hat sie direkte Verbindung zum Chef. Ja, der Wieland hat es gut. Den ganzen Tag sitzt er da und diktiert ihr Briefe. Die dicken grünen Teppiche schlucken jedes Geräusch. Von der Schwefelsäure ist hier nichts zu riechen. Er kann zuschauen, wie sie tippt, manchmal lächelt sie durch die Scheibe. Oder das orange Telefon klingelt. Sie hebt ab: «Aloxyd AG, Hofer?» Fragender Blick durch die Scheibe. Wieland nickt. Sie lächelt und drückt den roten Knopf. Er hat ein schwarzes Telefon, nüchtern. Wenn er spricht, lehnt er sich im Drehstuhl zurück, zum Nachdenken. Hinter dem Bild mit dem säenden Mann und der Sonne ist der Wandtresor. Direkt Unsinn, ihn zu prüfen. War noch immer zu. – Wäre ja noch schöner. Wieland vergisst nie etwas. Dafür wende ich jedesmal das Datum am Tischkalender. Er denkt sicher, das macht Irene. Stich am Plastikzug der Vorhänge. So, dann hätten wir’s also wieder einmal, Herr Direktor. Gute Nacht, Irene, denk an die IBM.
Jetzt hinab in die Unterwelt. Steile Treppe. Hier gibt es keinen Teppich. Gleich um die Ecke haust Tschanz. Der letzte Mensch. Alles liegt herum. Natürlich, heute wieder einmal der Rührer. Das kleine Magnetchen dreht wie verrückt. Kein Mensch weiss wozu. Aber natürlich der Zettel: «Laufen lassen!» Nicht etwa bitte. Bei Tschanz nie. Vergisst mir wohl den Rapport wegen dem Lötkolben nie. Dabei tue ich nur meine Pflicht. Hat sicher einen ordentlichen Rüffel bekommen, der Bursche. Im Grunde eine Frechheit, diese Zettel, eine Provokation. Der soll einmal etwas laufen lassen, ohne Zettel. Und seinen Mantel wirft er einfach über den Stuhl. Das ist einer wie der Wälti, genau von der gleichen Sorte. Macht die Arbeit nur fürs Geld. Bei ihm hängt der Stich an der Gasflasche unter dem Tisch. Schaue wohl besser nach, ob er das Gas abgedreht hat. Der wäre imstande, alles mir anzuhängen. Warte nur. Einmal knallt.
Einmal machst du einen Fehler. Ich bin auf der Hut. Zu. Noch mal Glück gehabt.
Und nun nichts wie raus hier. Zu den Pumpen. Noch ein Stockwerk tiefer. Auf der engen Metallwendeltreppe bin ich wie ein Taucher. Aber das Dröhnen in den Ohren kommt von den Pumpen, nicht vom Wasser. Wenn ich die Tür zum Maschinensaal aufschliesse, springt mich der Lärm an wie ein brüllendes Raubtier. Der Strahl meiner Lampe peitscht in die Finsternis. Zwei der drei Pumpen laufen immer. Jede ist zu kontrollieren: Druck – Tourenzahl – Temperatur. An jedem Manometer hängt ein Stich. Hier ist immer alles in bester Ordnung. Seit ich in diesem Revier gehe, habe ich hier unten keinen einzigen Rapport. Kuenz schaut gut zu den Maschinen. Sind wohl auch zuverlässiger als die Menschen. Seine Werkstatt hat er gleich daneben. Tür hinter mir schliessen.
Jetzt gibt es Licht. Zwar ist es nur eine nackte Glühbirne, die von der Decke baumelt, aber sie erhellt den Raum bis in den letzten Winkel. Hier gibt es keine Fenster. Kein Mensch kann das Licht von aussen sehen. Einen Moment kann ich mich hier setzen. Kuenz hat sicher nichts dagegen. Er versteht nicht nur etwas von Maschinen, sondern auch von Frauen. Hinter seiner Werkbank hängen grosse Doppelseiten. Da ist die Blonde, mit nichts an als mit schwarzen, hohen Stiefeln. Herrgott, diese Schenkel! Man weiss ja, dass sie bezahlt werden dafür, aber wie die ihre Lederpeitsche in der Linken wiegt … Weiss der Teufel, ob es ihr nicht doch Spass macht. Oder zum Beispiel die Schwarze auf ihrem Tigerfell. Legt sich einfach hin und spreizt die Beine, vor der Kamera. Also ich weiss nicht, wie Kuenz sich das traut. Und wenn nun einmal Wieland herunterkommt – oder gar Irene? Am Kiosk kann man sie kaufen, aber sie sind teuer. Und was würde die Kioskfrau denken?
Ich muss weiter, sonst sieht man es auf dem Streifen. Wenn alles gut geht, langt’s auf dem Rückweg noch für ein Momentchen. Jetzt kommt noch das Lager und dann der Tunnel. Die Dunkelheit nimmt mich wieder auf. Die Winkeleisen der Lagergestelle jagen Schatten über die weiss gekalkten Wände. Langsam komme ich wieder in den Tritt. Der Tritt ist wichtig. Findest du ihn nicht, kriechst du am Morgen die Treppe zu der Wache auf den Knien hoch. Und du wälzt dich tagsüber immer im Bett, wenn draussen die Frauen einkaufen. Und du denkst immer an die nächste Nacht, wenn durch die Storen die Sonne scheint. Und der Teufel hole die Aloxyd und den Kuenz und … Wenn du ihn hast, den Tritt, ist es schön: Du kommst heim, trinkst deine Milch, legst dich hin und bist weg. Dann ist 4 Uhr.
Hier im Lager ist alles voller Staub. Kein Mensch kommt hier herunter, nur ich. Hinten liegt der Tunnel. Die niedrige Eisentür ist mit Nieten beschlagen. Sie quietscht beim Öffnen. Das gelbe Schild mit dem Totenkopf kündigt an, dass über diesem Stollen die Tanks liegen. Im Routenbefehl steht darüber: «150 m langer Blindstollen, dient der Kontrolle der Säuretanks. Der Bewacher hat ihn unter Beobachtung der Decke in seiner gesamten Länge abzuschreiten. Achtung auf Feuchtigkeitsspuren. Stich am blinden Ende. Eventuelle Beobachtungen unverzüglich an Tel.-Nr. 117.» Drei steile Stufen führen nach der Tür hinab auf den Lehmboden. Es ist ein seltsames Gefühl, dieser Naturboden. Je tiefer ich hineinkomme, desto lauter rauscht das Blut in meinen Ohren, als lege mir jemand die Hände über sie. Vor mir verliert sich das Licht zwischen den roh aufgemauerten Wänden. Mir ist, als erstrecke sich mein Tastsinn weit voraus und spüre nach der Mauer. Der Gestank nach Moder ist beinahe unerträglich. Wie viele Türen liegen jetzt zwischen mir und der frischen Luft?
Nach hinten, dünkt mich, wird der Tunnel noch niedriger. Unwillkürlich ziehe ich den Kopf unter der Wölbung ein. Gleich muss … Mein Tritt stockt. Die Uhr schlägt gegen meine Brust. Ich höre ein Rauschen! Das ist nicht mein Blut. Da fliesst etwas. Ich halte den Atem an. Es plätschert. Deutlich. Über mir befinden sich 30 000 Liter Schwefelsäure. Wo ist denn endlich die Wand? Vorsichtig weiter. Da ist sie.
Und da ist auch die Erklärung für das Rauschen. Ich atme auf. Möchte am liebsten lachen: Heute ist hier eine Abwasserleitung freigelegt worden. Eines der Zementsegmente ist oben aufgeschlagen, man will offenbar einen neuen Anschluss einfügen. Na also. Der letzte Stich. Dort an der Wand … Halt! Da hat sich etwas bewegt.
Gott, das darf nicht sein!
So etwas gibt es nicht. Ich schliesse die Augen. Als ich sie wieder aufmache, ist sie immer noch da. Das ist keine gewöhnliche Ratte. Gross wie ein belgischer Riese. Schneeweiss. Sie sitzt auf dem abgeschlagenen Zementstück neben der Leitung. Ihr nackter Schwanz hängt über die Röhre herab bis in den Lehm davor. Im seltsam spitzen Kopf funkeln über den gespreizten Schnauzhaaren zwei rote Augen im Blendlicht.
Sie hat auf mich gewartet. Sie blickt mich an.
Jetzt nur nicht verrückt werden. Meine Nackenhaare sträuben sich. Luft kratzt seltsam trocken im Hals. Meine Rechte tastet von der Stechuhr weg, die ich schon ergriffen hatte, unendlich langsam hinunter zum Gummiknüppel.
Der rote Blick folgt meiner Hand.
Ich spüre den Hartgummi mit den Fingerspitzen.
Ihre Schnauzhaare zittern.
Duckt sie sich?
Warum rennst du nicht weg, du verdammtes, verfluchtes, ekelhaftes, lästiges Biest? Mit einem Ruck reisse ich den Gummiknüppel aus dem Futteral, stampfe gleichzeitig mit dem Fuss und hole aus. In diesem Augenblick springt sie. War das mein Schrei?
Der Tunnel gellt aus tausend Kehlen. Ich fühle ihre Krallen am linken Knie. Unwillkürlich reisse ich die linke Hand hoch. Die Lampe zersplittert an der Decke. Es ist Nacht. Blind schlage ich zu. Feuer sticht in mein linkes Knie. Jetzt schreit sie. Hoch und schrill. Oder schreie ich? Ich schlage wieder zu. Die Schreie kommen von überall. Auch von oben.
Da – ja, weich! Noch einmal und da und da und …
Jetzt schweigt sie.
Ist sie tot? Kann sie tot sein? Sie wartet. Ich weiss, dass sie wartet. Grauen schüttelt mich.
Das ist die Strafe. Für Tschanz und für die Frauen und für alles … Ich kleines Schwein.
Meine Lampe. Ohne die komme ich hier nie heraus. Sie muss am Boden liegen. Ich bücke mich, taste … Da! Etwas Warmes, Zuckendes! Sie lebt noch!
Ich renne los. Mein Kopf streift die Tunneldecke. Ich spüre es kaum. Nur jetzt nicht stürzen. Die Wände ertasten. Hand vor Hand. Bin ich das? Backstein und Mörtel schürfen die Finger. Ich bin blind.
Wie lang ist der Tunnel?
© Beat Ramseyer (Pseudonym Manuel Frey), 1980