Beat Ramseyer
Es ist Nacht. Die Sitzung vorbei. Einmal mehr sinnlos. Weshalb fahre ich überhaupt noch hin? Ich kenne keinen Kanton mit so vielen Ausschüssen, Kommissionen … Gremien! Ok … Demokratie eben … und wehe du bist dagegen … völlig Wurst wogegen … schwupp sitzest du in einem Ausschuss und dann:
Verehrte äem … Herren (Damen so gut wie nie!), es freut mich, dass Sie so zahlreich blah blah … und wer schreibt das Protokoll …?
Und dann die Heimfahrt und ich todmüde, Kopfweh obschon nichts getrunken … oder vielleicht weil?
Es gab Zeiten, da fühlte ich in dieser Situation jenes Prickeln der grossen weiten Welt, wenn ich allein im Auto in die Nacht hinaus fuhr, Joan Baez einlegte, eine Gauloises-gelb-ohne ansteckte und dazu überlegte, dass ich in acht Stunden am Meer sein könnte … Genf-Lyon-Marseille: Aufbruch!
«Z’ mitz ir Nacht dervo …» hat mal einer gesungen … Heute bin ich natürlich Nichtraucher, schäme mich gebührend für das Autofahren (fahre trotzdem, wegen «Zweck heiligt die Mittel»), und Mani Matter ist tot … lange schon!
Und dann diese Sitzung! Da kommt doch dieser nette Junge (ich nenne ihn Milchbart). Seine hellen Augen strahlen nur so vor Energie und Ideen, macht eifrige Anträge … schlägt doch tatsächlich häufigere Inspektionen vor … keine Ahnung, der Idiot, was das heisst, vermehrte Inspektionen … hätte gerade noch gefehlt! Kaum hast du das Ding auch nur einigermassen im Griff, kommt so ein Jüngling daher und sagt dir, was du seit zwanzig Jahren falsch machst. Da sah ich plötzlich rot … schon fast froh um die Demokratie … «reden» haben wir mal gehabt … ein markantes Votum meinerseits, und die Inspektionen des Milchbarts gingen baden. Als hätte ich nicht gesehen, wie leid es dem Alten tat … er hätte sie gerne gehabt, diese Inspektionen … klar!
Aber die Demokratie ist eine Hure … tut’s zwar bei uns nicht eigentlich für Geld, aber für möglichst wenig Veränderung … möglichst ohne Gesicht … tut alles für Loyalität … Der Alte weiss genau, dass er meine Stimme braucht, spätestens bei den nächsten Wahlen (alles hat seinen Preis).
Apropos baden: es giesst in Strömen. Der Scheibenwischer schlägt einschläfernd vor meinen Augen hin und her. Das Wischerblatt ist schartig. Vor lauter Striemen die Strasse kaum zu erkennen. Hin und her … her und hin … nur ja nicht einschlafen, verdammt … hätte noch gefehlt! Bin aus der Übung … das Radio krächzt unerträglich unter den Busleitungen … dazu wie gesagt Kopfweh … seit Tagen schon! Wenigstens kenne ich die Strecke … blind, sozusagen! Nur wenn einer entgegenkommt, wird es brenzlig: Die Schlieren auf der Scheibe blitzen wie Feuerwerk! War da nicht eben noch das schwankende Geblinke eines Fahrrades? Ich bremse … viel zu brüsk … Schwein gehabt … er steht noch …
Endlich bleibt die Stadt zurück. Der Regen lässt nach. Das nervtötende Geflappe des Wischers lässt sich wegklicken. Meine Verkrampfung lockert sich. Auf der Autobahn lasse ich die Pferdchen laufen … zurücklehnen … durchatmen. Ob’s noch mal versuche mit dem Radio? Bei den Franzosen habe ich Glück: Françoise Hardy … tous les garçons et les filles de mon âge … gibt es die noch? Die Zacken meiner Gedanken glätten sich unter der weichen Stimme.
In weiter Ferne liegt jenes Sehnen von damals am Horizont.
Jetzt ist jetzt … jetzt!
Ich muss raus aus diesem Schlamassel … raus aus allem! Schluss mit den verdammten Sitzungen, die eh nichts bringen … Schluss mit den verfluchten Kommissionen, die nie was beschliessen; nie wieder Aktionskomitees – wofür oder wogegen auch immer, Austritt aus allen Arbeitsgruppen, die sich ewig nur um sich selber drehn!
Ich bin frei … frei … kapiert? Frei!
Befreit drückt mein rechter Fuss das Pedal … der Wagen nimmt Fahrt auf. Das grüne Licht der Armaturen schimmert wieder verheissungsvoll … sogar mein Kopf klart auf. Ich bin frei! Lockend neigt die Autobahn sich zur Piste. Beschleunigung drückt mich kräftig in den Schalensitz.
Jetzt abheben … jetzt! einfach leichtes Höhensteuer, vielleicht noch zwei drei Holperer auf dem Beton … dann die Ruhe! Über den Wolken!
In diesem Moment erblicke ich sie. Weit voraus etwas Rotes auf dem Pannenstreifen … Polizei? Instinktives Bremsen … lächerlich, weil längst zu spät. Wie schnell war ich? 170 mindestens! Hat mir gerade noch gefehlt … Ausweis futsch wegen Raserei … kaum auszudenken. Zurück auf 100 … ich warte auf die orangen Dreiecke, winkenden Lampen … den ganzen Zirkus … nur ja nicht aufblenden … sie ja nicht verärgern … brav jetzt auf 60 … wann kommt ihr endlich? Warum versteckt ihr euch, Bullen? … feige Bande … nein!
Moment!
Da vorn … das ist kein Bulle, Das ist …
Auf dem Pannenstreifen steht eindeutig eine Frau … eine Frau in einer roten Lackjacke. Sie winkt mit den Armen. 150 Meter trennen mich noch von ihr. Weit und breit kein Auto … Jetzt bedeckt sie mit einem Arm den Kopf. Ich blende ab. Wie ein Model aus einem surrealen Foto steht die Rote im Scheinwerferlicht: langes Haar im Wind, kurzer Jupe – ebenfalls aus rotem Lackleder – spannt Querfalten über den Schenkeln … dazu rote Stiefel bis übers Knie … eine Hure, von einem Freier auf der Autobahn rausgeworfen? Oder ein dummer Scherz von irgend einem publikumsgeilen Fernsehmoderator à la felixen sie Spass?
Jetzt nimmt sie ihren Arm herunter … winkt wieder … da erst sehe ich es: Sie hat kein Gesicht …
Das gibt es nicht … Darf es nicht geben …
War das eben mein Krächzen?
Noch 30 Meter.
Zeitlupe: Vor mir steht die Frau ohne Gesicht … Ausgeburt meiner Angst … in schweren Nächten oft geträumt … jetzt winkend im Scheinwerfer … Kein Scherz, mein lieber, das gilt! Ich bin verrückt … noch 20 Meter …
Anhalten … jetzt? ich kann nicht … nicht um alles in der Welt. Gleich ist es vorbei! In diesem Moment tritt sie auf die Fahrbahn …
Ok … ich bin verrückt, oder es ist ein schlechter Traum … oder beides … Jedenfalls: nicht ausweichen … fahr zu, los!
Vollgas … etwas nach rechts … jetzt! Der Aufprall ist fürchterlich! Ich erwische sie genau auf der Höhe ihrer nackten Schenkel, sie schwebt hoch … dreht sich halb in der Luft … eine rote Tasche fliegt weit voraus … dann kippt sie auf die Kühlerhaube … schleift über die Windschutzscheibe … schlägt aufs Dach … vorbei!
Ich fahre wie ein Wahnsinniger. Längst habe ich aufgehört zu denken. Nur Panik … Flucht … Wie diese Tasche weggezogen ist … fast elegant!
Erst jetzt fühle ich den Schweiss … Fenster runter … noch rast mein Herz … dann erst Blick in den Rückspiegel … ist natürlich alles längst weg.
War das ein Gespenst? Mein Gespenst? … Schlagartig fallen mir alle Geschichten von Frauen mitten in der Nacht auf der Autobahn ein. Die Weisse Frau … die Schwarze Frau … ich fühle, wie sich meine Härchen an den Armen und im Nacken aufrichten. Gleich wird sie neben mir sitzen, die Rote … man kennt das …
Ich drehe den Kopf … der Sitz ist leer!
Das Grauen schnürt mir den Hals zu.
Das also ist das Ende … los, komm schon, Hure … bringen wir’s hinter uns! Ich weiss: es geschieht nur, weil ich es denke! Aber ich muss es denken … immer wieder! wie im Film: jeder weiss, dass hinter dem Vorhang Grauenvolles lauert … nur das Opfer betritt den Raum ahnungslos und geht zum Fenster, in jeder Aufführung wieder, immer wieder …
Ich werde sie fragen müssen: Wer bist Du? Und sie wird antworten: Du weisst es …
Sie wird mir dann den Kopf zudrehen … das lange blonde Haar lässig zurückstreichen … grauenvoll!!! Ich ertrage das nicht, drehe durch, trete auf die Bremse … Reifen heulen auf, der Wagen torkelt … sie wird sagen: Lebe wohl, Liebling, bis bald …
Vor meinen aufgerissenen Augen vielleicht die Leitplanke verdammt nah … dann der Pannenstreifen … dann der Betonpfeiler … die Kühlerhaube faltet sich vor mir in Zeitlupe!
So wird es wohl sein, das Ende … ich bin allein!
Ja nicht mehr hinsehen … sie kommt, wenn du es denkst! Aus den Augenwinkeln erkenne ich rechts die Abfahrt. Mechanisch Blinker raus … weg vom Gas … die enge Kurve … hier wäre es doch günstig … los … komm schon … Hure ohne Gesicht … wenns schon sein muss …
Der Sitz … noch leer.
Zweifel kriechen jetzt doch hoch. Und wenn es kein Gespenst gewesen wäre? «Dirne auf Autobahn brutal überfahren … wer kennt den Raser?»
Schlägt ein Gespenst derart gegen die Kühlerhaube?
Jetzt nicht noch einmal durchdrehen … cool … ganz cool … bald bin ich da …
Und der Sitz ist leer … immer noch!
Wenn es ein Mensch war, muss der Wagen beschädigt sein …
Bei den ersten Häusern nach der Bahnschranke halte ich an, steige aus: kein Kratzer im Lack … weder Blut … noch Fleisch. Bin ich tatsächlich verrückt?
Langsame Fahrt durch das Dorf. Der Regen hat dem Nebel Platz gemacht … verkehrte helle Trichter unter den trüben Strassenleuchten … die letzte Kurve … wartet sie bis hier … absichtlich bis zum Schluss … Jetzt? genau dann, wenn ich denke, es ist vorbei … Ja?
Halt vor der Garage … aussteigen … Motor läuft … das Tor geht schwer … wieder einsteigen … Kupplung … Erster … vorsichtiges Gegensteuer … Kupplung … Handbremse … Licht aus … Zündschlüssel … alles wie gehabt.
Der Beifahrersitz bleibt leer.
Die nächste Sitzung kommt bestimmt!
© Beat Ramseyer