Nermina

Oliver und Nermina
Die Geschichte schreibt grausame Geschichten, die jeder am Liebsten gleich wieder vergessen möchte, und dennoch müssen sie weitererzählt werden, wenn man je verstehen will, was sich täglich in dieser Welt abspielt. Nur wer die Geschichte von Nermina und Oliver kennt, kann halbwegs ahnen, was das Wort „Bürgerkrieg“ bedeutet.
Das Ganze begann eigentlich wie immer, wenn jemand neu in eine Schulklasse kommt: Eines morgens steht sie oder er irgendwo im Schulhaus, meist vor dem Klassen- oder vor dem Lehrerzimmer, wird begrüsst, in die Klasse begleitet, beschrieben, erhält ein Pult und Hefte und Bücher… einige von euch haben das bestimmt auch schon am eigenen Leib erfahren, eine nicht eben angenehme Situation.
Mit Nermina war das anders: Der Direktor brachte sie persönlich zu uns, denn sie kam aus Sarajewo, mitten aus dem Krieg. Natürlich waren gerade deshalb alle besonders freundlich zu Ihnen. Irgendwie war ihr Auftauchen wie ein leiser Schock: Das ganze Elend, das bis jetzt als flimmerndes Tagesschau-Ereignis immerhin 900 Kilometer weit weg gewesen war, trat plötzlich als Mensch aus Fleisch und Blut in unserem Klassenzimmer auf. Und so, als sollte dieser Krieg bestraft werden, versuchen wir alle, ein Nermina-Geschehen wieder gut zu machen. Jede andere Neue wäre bei den Mädchen wohl erst einmal auf einer Mauer des Schweigens gestossen, vor allem mit diesem Aussehen: schlank, hochgewachsen, mit schulterlangem, schwarzem Haar und den großen, mandelförmigen Augen. Nermina wurde aber sogleich freundlich aufgenommen, eingeladen zum Reiten, ins Hallenbad … ich war stolz auf meine Klasse. Natürlich war es auch für die Jungs nicht gleichgültig.
Als sich nach mehreren Tagen herausstellte, dass Sie wohl dem Unterricht in den meisten Fächern allmählich folgte und nur in der Geometrie nicht den leisesten Schimmer hatte, nahm die Reise eine völlig unerwartete Wendung …
Für Geometrie war in unserer Klasse nämlich nur einer zuständig: Oliver, genannt Oli, der Schläger. Sein Übername sagt eigentlich alles: Wenn er irgendwo im Schulhaus auftaucht, liegt bestimmt eine handfeste Keilerei in der Luft. Seinetwegen galt die 4c bei allen Kollegen als schwieriger und zerstrittener Haufen, weil er mit seinen 196 cm Größe und 86 Kilo Lebensgewicht bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit einen Streit suchte, den Unterricht störte … kurz: ein schwieriger Fall. Natürlich gerieten wir beide unter diesen Voraussetzungen immer wieder aneinander, da auch seine schulischen Leistungen völlig ungenügend waren. Weil es oft vorkam, dass er mich im Zorn einfach stehen liess, musste ich manchmal bei ihm zuhause vorsprechen. Er wohnte im Kinderheim, und dort erfuhr ich dann auch, dass er vor 16 Jahren als Säugling in einer Pappschachtel vor der Tür aufgefunden worden war, von seinen Eltern fehlte jede Spur. Natürlich wurde der Junge im Heim auf Gemeindekosten ernährt und erzogen, aber die Schande seiner Herkunft hielt ihn offensichtlich fest im Griff: weil er mit sich selber nicht klar kam, hatte er auch mit allen anderen Mühe.
Beinahe traute ich darum meinen Ohren nicht, als ausgerechnet Oliver sich etwa nach einer Woche ziemlich beiläufig anerbot, der «Neuen» den Pythagoras zu erklären. Eine Sekunde zögerte ich wohl zu lange, er wandte sich bereits wieder betont gleichgültig ab, bis bei mir der Groschen fiel. «Das ist keine schlechte Idee», stotterte ich, «wenn sie einverstanden ist…» und so nahm alles seinen Lauf.
Unter Katheten und Hypotenusen erwachte die Liebe zwischen Nermina, der Bosnierin und Oli, dem Schläger. Wenn ich in der neuen Klasse jemand an einem Tag auf den anderen plötzlich unaussthelich, frech, unaufmerksam oder sonst irgendwie «rattig» wird (so nennt man das in der 4c), darf man mit Sicherheit annehmen, dass dabei Liebe im Spiel ist… Oli, den Schläger aber hat die Liebe lammfromm gemacht! Wie ausgewechselt sass da plötzlich ein Bursche in der Klasse, der rege am Unterricht teilnahm, sämtliche Hausaufgaben gelöst hatte und überhaupt so daher kam, als habe sein Leben über Nacht plötzlich einen Sinn erhalten.
«Oli, den Schläger, hat’s aber bös erwischt…» raunten die raulfustigen Buben auf dem Pausenplatz, und auf einmal kamen meine Kollegen ganz locker aus dem Unterricht an der 4c zum Pausenkaffee. Und wenn wir nach dem letzten Gong noch auf ein paar Worte im Lehrerzimmer herumstanden, konnte jeder den Grund für den plötzlichen Frieden sehen: draussen machten sich Oliver und Nermina Hand in Hand auf dem Heimweg.
Seltsamerweise wurde das Paar auch im Dorf von ersten Tag an geduldet. Offenbar empfanden die Leute das Glück der beiden irgendwie als ausgleichende Gerechtigkeit des Schicksals und liessen sie in Frieden. Kein empört-verschämtes Telefon meldete mir irgendwelche verbotenen Küsse hinter dem Güterschuppen und verlangte endlich hartes Durchgreifen.
So nahte das Ende des neunten Schuljahres. Bei uns ist es Tradition, dass die austretende Klasse am letzten Schultag ein Theater aufführt. Natürlich bringt ein solches Projekt aufregendes Prickeln in die letzten Wochen. Da wird an allen Ecken und Enden geprobt, genäht, gehämmert und gestrichen. Die 4c hatte ein eigenes Stück geschrieben, und es wird wohl niemanden wundern, dass es sich dabei um eine dramatische Liebesgeschichte handelte… dreimal dürft ihr raten, wer das Liebespaar spielte! Da Nermina die deutsche Sprache noch nicht ganz beherrschte, wurde die Geschichte so angelegt, dass sie nur wenig sagen musste, dafür gab es im dritten Akt ein Happy-End mit Kuss… und den spielte sie überzeugend!
Alles lief wie am Schnürchen bis zum Morgen vor der Premiere. Die Klasse war bereits zwischen Kulissen und Requisiten auf der Bühne versammelt, nur unser Liebespaar fehlte noch. Als sie eine Viertelstunde nach dem Läuten immer noch nicht da waren, machte sich Kurt mit dem Mofa auf, um Oli zu holen. Er kam bald allein zurück. Der Bescheid, den er brachte, liess mich nichts Gutes ahnen: Gestern sei eine Frau im Heim aufgetaucht und habe sich als Olivers Mutter ausgegeben. Die beiden seien dann zusammen weggegangen, seither sei er verschwunden.
Die Klasse war mit den Kulissen vollauf beschäftigt, darum machte ich mich auf die Suche nach Nermina. Sie wohnte oben in der Mansarde bei einer befreundeten Familie. Eine Sekunde lauschte ich – atemlos noch von der Treppe – an ihrer Tür, dann klopfte ich laut. Als keine Antwort erfolgte, trat ich ein. Sie lag angezogen auf dem Bett, die Augen starr zur Decke gerichtet. Im ersten Moment befürchtete ich, sie sei tot, sah aber gleich darauf, dass sie stossweise flach atmete. Ich rief sie beim Namen… sie schien es nicht zu hören. Da trat ich einen Schritt näher und berührte sie leise an der Schulter. In diesem Augenblick begann sie zu schreien, wie ich noch nie einen Menschen schreien gehört habe. Entsetzt taumelte ich zurück. Unaufhörlich fuhren in ihre schrillen Schreie wie Messer durch mich hindurch, bis ich es nicht mehr aushielt. Ich packte sie und schüttelte ihren wild zuckenden Körper, bis sie endlich verstummte. Als käme sie eben von weit her, irrte ihr Blick durch den Raum und blieb schliesslich an mir hängen. Offenbar erkannte sie mich erst jetzt. «Nermina», sagte ich hastig, «was ist mit Oliver?» Schlagartig verengten sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen, so dass ich schon einen neuen Schrei krampf befürchtete. «Er ist weg», flüsterte sie tonlos. «Weisst du, dass seine Mutter zurückgekommen ist?» Sie nickte stumm und begann dann lautlos zu schluchzen. «Sie waren bei mir… hier…» Stockend berichtete Nermina, was sie in der Nacht erfahren hatte: Olivers Mutter war Jugoslawin. Sie hatte vor 16 Jahren als Serviertochter hier im Kreuz gearbeitet. Als sie vom Serben, der im Restaurant als Aushilfe arbeitete, ein Kind erwartete, liess dieser sie sitzen und reiste einfach nach Jugoslawien zurück. Als man sie im Restaurant wegen dem unehelichen Kind davonjagted. In ihrer Verzweiflung legte sie das Neugeborene in einer Pappschachtel vor dem Kinderheim ab. und fuhr ebenfalls nach Hause. Gestern Nacht hatte Olivers Mutter sie, Nermina, besucht und ihr erzählt, was sich damals wirklich ereignet hatte. Nermina’s Mutter sei ebenfalls in ein Lager gebracht worden, weil sie einem Serben geholfen hatte. Sie wurde jedoch nicht zurückgeholt. Jetzt sei Olivers Mutter aus Jugoslawien geflüchtet und wolle das Kind zurück. Olivers Mutter sei jedoch nicht im Stande, das Kind mitzunehmen, weshalb sie Olivers Mutter bat, sich um Nermina zu kümmern. «Olivers Mutter hat Angst, dass sie wieder erwischt wird», schloss Nermina ihren Bericht.
Die Mutter von Oliver habe ihr dann, laut Nermina, aufgetragen, Oliver alles zu erzählen. Nermina habe ihn über die Wahrheit aufklären sollen, dass er Serbe sei. «Oliver ist ein Serbe», hatte sie gesagt, und der Satz hörte sich an wie ein Fluch. «Aber du liebst ihn doch…» stammelte ich. Da trat in ihr Gesicht ein eiskalter Ausdruck: «Meine Schwester starb im Lager von Sarajevo, mir gelang die Flucht auf dem Transport. Ich kann keinen Serben lieben». Natürlich wussten wir es alle… alle! und täglich, beinahe schon alltäglich berichteten die Medien von den Gräueln, die knapp eine Flugstunde von uns entfernt in diesen Lagern geschahen. Aber wie tief die Zerstörung in die Menschen dort eindrang, wurde mir erst jetzt bewusst. «Ich kann keinen Serben lieben!» damit war alles gesagt. «Und Oliver… weiss es?» Sie nickte. Zu lauschen überdeckten die letzten zwei Monate des Glücks, in das all so grosse Erwartungen gesetzt hatten. Betäubt blickte ich in das Antlitz eines Krieges, der keine Hoffnung kennt. Unfähig, etwas zu antworten, verliess ich Nermina. Mir graute davor, was wohl dieser Satz in Oliver, dem zweiten Opfer des grenzenlosen Wahnsinns, angerichtet haben mochte!
Der Schrank in seinem Zimmer stand offen. In aller Eile hatte er einige Kleider zusammengepackt. Am Bahnhof erfuhr ich, er habe heute morgen bereits um sechs Uhr eine einfache Fahrkarte in die Stadt gelöst und sei in den nächsten Zug gestiegen. Meine weiteren Nachforschungen verloren sich auf dem Reisebüro des Bahnhofs in der Stadt. Dort hatte er eine Fahrkarte nach Sarajevo gelöst.
Monate sind seither vergangen. Von Oliver habe ich nie wieder etwas gehört. Ob die Zeit je Nerminas Wunden heilen wird, weiss ich nicht, ich habe auch sie aus den Augen verloren.
Inzwischen habe ich eine neue Klasse übernommen. Die Schule geht weiter.
Fast ist alles so wie vorher. Nur manchmal, während der Tagesschau, denke ich noch an die Geschichte von Oliver und Nermina; und dann wird mir schmerzlich bewusst, dass es nie wieder so sein kann wie vorher…

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