Seifenblasen

Es war einmal ein Mädchen, das hiess Lynn.
Es lebte am Rande einer grossen Stadt bei seinen Eltern. Lynn spielte gerne mit ihrem Bruder Vinzenz Verstecken.
Am liebsten aber fuhr Lynn mit der Eisenbahn aufs Land zu ihren Grosseltern Meme und Nöck.

In dem Dorf, in dem Meme und Nöck wohnten, war immer am ersten Mai grosser Jahrmarkt. Dort durfte sie nach Herzenslust Karussell fahren bis sich die ganze Welt um sie herum drehte.

Gegen Abend nahm Nöck sie bei der Hand, und müde, aber glücklich machten sie sich auf den Heimweg.

Ganz am Ende des Marktplatzes blieb Lynn plötzlich wie angewurzelt stehen. Da war ein Clown mit einem weiss geschminkten Gesicht und einer roten Nase, der hatte einen Plastikeimer vor sich. In diesen Eimer Tauchte er einen Ring, der an einem langen Stab befestigt war. Dann zog er den Ring langsam heraus. Darin glänzte eine feine Haut aus Seife. Mit einer leichten Drehung bewegte der Clown sich zur Seite und aus der feinen Haut wölbte sich eine Seifenblase, die immer grösser und grösser wurde. Sachte fuhr der Abendwind in den Ring und füllte die immer noch wachsende Seifenblase zu einer Grösse, die Lynn noch nie gesehen hatte. In der Haut des wunderbaren Gebildes spiegelte sich der ganze Markt und all die Menschen, die den Clown umstanden und vor Staunen den Mund offen vergassen.

Immer grösser und grösser wurde die Seifenblase, bis der Clown mit einer eleganten Bewegung den Ring abdrehte.

Die Kugel, die nun grösser war als Lynn, hob ab und schwebte lautlos davon. Die Menschen machten ihr Platz. Ihre Haut schimmerte in allen Farben des Regenbogens. Das Publikum klatschte begeistert und Lynn jauchzte laut vor Freude. Noch nie hatte sie etwas derart Schönes gesehen. Sie riss sich von Nöcks Hand los und rannte der sich nun ganz langsam drehenden leuchtenden Kugel nach.

Als ihre Hände das Wunderwerk ergreifen wollten, geschah das Unfassbare: In einem einzigen Augenblick platzte die ganze Herrlichkeit in einem schillernden Regenbogen zu Nichts. Nur eine Wolke von feinen Tröpfchen hüllten sie ein.

Fassungslos blieb Lynn stehen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie weinte erst lautlos, dann immer heftiger. Passanten drehten sich nach ihr um, wollten sie trösten und Nöck eilte herbei, voller Sorge, weil er meinte, die Seifentröpfchen seien ihr in die Augen geraten.

Aber Lynn schüttelte seine Hand ab und heulte immer lauter. Ihr Gesicht war nun vor Wut verzerrt. Sie stampfte heftig mit den Füssen. Nach und nach steigerte sie sich in einen richtigen Wutanfall, und die Leute, die zuerst noch mitleidig geschaut hatten, wandten sich kopfschüttelnd ab.

Nöck wollte das schreiende Mädchen auf den Arm nehmen, aber Lynn strampelte und begann, mit ihren Fäusten auf den Grossvater einzuhämmern. Ratlos stand dieser da und wusste sich nicht mehr zu helfen. „Warum ist sie kaputt gegangen?“ schrie Lynn immer wieder, warum?
„Seifenblasen gehen kaputt, wenn man sie anfasst, Lynn“, sagte Nöck.
„Warum?“
„Weil sie so dünn sind.“
„Warum sind sie so dünn?“
„Weil sie aus einer ganz feinen Haut bestehen, die immer feucht sein muss“
„warum muss sie immer feucht sein?“
„Weil die Seife Wasser braucht“
„Warum braucht sie Wasser?“
Nöck kannte das „Warum-Spiel“ sehr gut; aber jetzt fiel ihm keine Antwort ein, zu der er stehen konnte. Er zögerte einen Moment zu lange, und Lynn begann wieder zu weinen. In seiner Not beugte sich Nöck nun zu ihr hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Augenblicklich verstummte sie und sah ihn mit grossen Augen an. „Echt, du baust eine Maschine, die Seifenblasen macht, die nicht kaputt gehen – eine Maschine ganz für mich allein
„Versprochen!“
„Ehrenwort?“
„Grosses Pfadfinder-Ehrenwort“.

Die Tränen verschwanden aus ihrem Gesicht und machten einem zufriedenen Lächeln Platz.
So endete der Maimarkt doch noch glücklich.
Am nächsten Tag machte sich Nöck an die Arbeit. In Wirklichkeit wusste er sehr wenig über Seifenblasen. Als moderner Grossvater benutzte er natürlich das Internet. Als er das Wort „Seifenblase“ googelte, fand die Suchmaschine Viermillionenvierhundertzwanzigtausend Einträge, wie man Seifenblasen herstellen kann. Aber unzerstörbare Seifenblasen gab es keine.

Darum blieb ihm nichts anderes übrig, als sich selber an die Arbeit zu machen.
Im Keller richtete er sich ein Labor ein, und begann zu experimentieren. Er arbeitete hart an immer neuen Seifenlösungen. Immer grösser wurden seine Seifenblasen, aber jede platzte, wenn er sie berührte.

Das nächste Mal, als Lynn zu Besuch kam, schlug sie vor, an den nahen Teich zu spazieren um die Enten zu füttern, aber Nöck hatte dafür keine Zeit, er musste unbedingt noch im Labor arbeiten und Lynn musste den ganzen Nachmittag am Tisch sitzen und zeichnen.

Auch beim nächsten Besuch hatte Nöck keine Zeit für sie, er schloss sich im Labor ein und experimentierte mit immer neuen Seifenlösungen. Als Lynn ungeduldig an die verschlossene Tür klopfte, und ihn bat, mitzukommen um die Enten zu füttern, rief er unwirsch, ja fast zornig, er habe wirklich keine Zeit. Auch an diesem Nachmittag blieb Lynn im Zimmer und langweilte sich.

So verging die Zeit. Lynn kam in den Kindergarten und dann in die erste Klasse, wo sie Freundinnen fand, mit denen sie an den freien Nachmittage spielen konnte.

Nöck aber arbeitete immer verbissener an seiner Seifenblasen-Maschine. Inzwischen war sein ganzer Keller voller Zahnräder, Schwungräder, Stangen und Rohre. Immer grösser und komplizierter wurden die Gebilde, die er zusammenbaute.

Eines Tages war es so weit: als Lynn wieder einmal zu Besuch kam, was inzwischen immer seltener geworden war, nahm Nöck sie an der Hand und führte sie hinunter ins Labor. Da stand ein riesiges Ungetüm mit einem grossen Kessel voller seltsam leuchtender Seifenlauge. Nöck öffnete die grossen Türen des Labors und zog das Ding hinaus auf die Strasse.

Neugierig blieben die Leute stehen, um zu schauen, was da passierte. Nöck zog an einer Schnur – ein Mal, zwei Mal… beim dritten Mal begann ein Motor mit grossem Krach zu knattern. Lynn hielt sich erschreckt die Ohren zu. Ein Arm fuhr aus der Maschine. Er tauchte einen Ring in den grossen Kübel mit der leuchtenden Seifenlauge. Dann hob er diesen Ring in die Luft und ein grosser Propeller begann sich dahinter zu drehen, so dass Wind entstand. Wie damals beim Clown auf dem Maimarkt begann sich eine Haut aus dem Ring zu wölben, wurde grösser und grösser, bis sich eine riesige Kugel bildete. Stolz trat Nöck an die Seifenblase heran und rief Lynn zu: „Pass jetzt gut auf!“

Mit einem raschen Schritt trat er in die Kugel hinein, die nicht etwa platzte, sondern sich schnell hinter im schloss. „Siehst du“, rief er triumphierend, „sie ist unzerstörbar“!
Lynn blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Da drehte die Maschine den Arm mit dem Ring. Die Seifenblase löste sich ab und begann zu schweben. Nöck wollte begann zu schweben. Nöck wollte heraustreten, aber die Haut der Seifenblase war nun hart wie Stahl. Er schlug mit der Faust dagegen, trat mit den Füssen um sich, nichts half, er war in seiner unzerstörbaren Kugel gefangen. Inzwischen hatten sich viele Leute in der Strasse versammelt. Alle winkten und redeten durcheinander, Einige lachten, weil es dem seltsamen Alten nicht gelang, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Nun aber kam ein leichter Wind auf. Ein Schrei des Schreckens ging durch die Menge, als die Kugel mit Nöck langsam abhob und in die Höhe schwebte. Einige Männer traten vor und schlugen von aussen gegen die Wand des Gebildes. Adere lasen Steine auf und warfen sie dagegen. Einer nahm sogar sein Taschenmesser und stach in die Haut der Kugel, nichts half. Hilflos und verzweifelt hüpfte Nöck in seinem Gefängnis herum, tobte und schimpfte laut, aber die Seifenblase war unzerstörbar!

Schon schwebte sie über den Köpfen der Menge dahin und begann immer mehr zu steigen. Jetzt rief Nöck laut um Hilfe.
Da erwachte Lynn wie aus einem Traum. Ihr Mund öffnete sich zu einem verzweifelten Schrei: „Nööööööööööööööööööööööck“ schrie sie, so schrill und spitz, dass die Leute sich die Ohren zuhielten. Und das Wunder geschah: Unter ihrem Schrei erzitterte die schillernde Seifenblase. In ihren Wänden bildeten sich feine Risse. Plötzlich platzte sie mit einem lauten Knall.
Glücklicherweise war sie noch nicht allzu hoch in der Luft, so dass Nöck, der nun hart auf die Strasse fiel, sich nur ein Bein brach.

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