Spiegelungen

Spiegelungen

Der Nebel ist eher noch dichter geworden. Feiner Niesel beschlägt die Scheiben des Elektrotaxis. Die Strassen des Vorortes sind dunkel. Daniel Rentsch stützt den Kopf müde in die rechte Hand. Die Tage im Büro werden in letzter Zeit immer anstrengender. Eigentlich brauchte er dringend eine andere Sekretärin. Das junge Ding, diese Silvy, taugt nicht viel. Sie spricht kaum, sitzt reglos hinter der Schreibmaschine, den Blick starr zur Decke gerichtet, die Hände schlaff im Schoss. Kein Wunder, dass er jeden Abend seine alte Aktenmappe prall voll nach Hause schleppt. Wenn er die Arbeit nicht erledigt, tut es keiner. Seine Hand tastet behutsam nach dem harten Buckel am Hals. „Ein kleiner Knoten“, hat der Arzt lachend gesagt, „heute absolut kein Problem mehr.“ Die Medikamente, die er weiterhin nimmt, wirken tatsächlich, jedenfalls ist der Knoten schon deutlich kleiner geworden. Heute möchte er einmal früh zu Bett gehen, bis um Elf wird das vorliegende Urteil zu schaffen sein. Vielleicht bleibt Lina so lange auf, dann wird sie ihm noch einen Kaffee kochen. Der Wagen hält an. Durch die sich öffnende Tür kriecht der Nebel herein und beschlägt seine Brille. Vor dem Aussteigen drückt er den am Armaturenbrett anleuchtenden Knopf «return», dann steht er im feinen Nieselregen. Rasch schlägt er den Mantelkragen hoch. Lautlos gleitet das Taxi in der Nacht.

Lina hat sich das neue Kleid schon am Nachmittag angezogen. Unruhig geht sie in der kleinen Wohnung auf und ab. Vielleicht versucht er, noch irgendwo Blumen zu kaufen? Ob er überhaupt daran denkt? Es ist seltsam, wie man sich aneinander gewöhnt. Wahrscheinlich war es nicht nur die oft zitierte große Liebe, die sie seit vierzig Jahren verbindet, sondern vielmehr die gegenseitige Rücksichtnahme – sicher auch etwas Gewohnheit… Jedenfalls können sie zufrieden sein. Endlich, der Aufzug! Er hat bestimmt nicht daran gedacht.

Auf dem Tisch brennen zwei Kerzen. Statt nach der üblichen Tagesration riecht es nach gebratenem Fleisch. Bestürzt schaut er auf die Uhr. «Hast du etwa heute Ge…?» Sie fällt ihm um den Hals, damit er die Enttäuschung in ihren Augen nicht sehen kann. „Nein, Lieber, unsere Ehe hat heute Geburtstag.“

Sie sitzen am Tisch. Das Fleisch ist ausgezeichnet.

Er denkt: „Sie kocht immer noch sehr gut. Dass ich Idiot das Datum nur vergessen konnte. Was soll ich jetzt tun?»

Sie sagt: „Weißt du, eigentlich ist es ganz gut, dass du nicht daran gedacht hast. Ich mag es nicht, wenn man von solchen Dingen zu viel Aufhebens macht. Die Frau Müller im zweiten Stock ist eine richtige Angeberin, überall erzählt sie herum, sie hätten am Hochzeitstag extra auswärts gefeiert…»

Sie denkt: „Er hat mein neues Kleid noch nicht bemerkt. War der Wink wohl deutlich genug?»

Er denkt: „Wenn wir jetzt gleich gehen, kommen wir vielleicht früh genug zurück, so dass das Urteil bis morgen doch noch fertig wird.“

Er sagt: „Eigentlich haben die Müllers Recht, man ist nur einmal vierzig Jahre lang verheiratet. Möchtest du nicht auch mal wieder ausgehen?»

Sie sagt: „Bist du denn nicht zu müde, dein Tag war doch anstrengend? Sicher hast du auch noch Arbeit mitgebracht…»

Sie denkt: „Einmal nur, ein einziges Mal seit so vielen Jahren, sag ja, bitte, sag ja.“

Das Musiklokal steht mitten in der Stadt, er kennt es noch aus seiner Jugendzeit. Äußerlich hat es sich überhaupt nicht verändert. Seitdem die Geburtsziffern so schnell zurückgehen, hat man aufgehört zu bauen. Auch die Hocker an der Bar sind immer noch rot, nur ihr Kunstlederbezug ist wohl einige Male ersetzt worden. Obwohl sämtliche Tische voll belegt sind, herrscht eine seltsame Stille in dem Raum. Sie haben Glück, eben werden zwei Plätze frei. Sie setzen sich neben ein junges Paar. Der Bursche hält die Hand seiner Freundin, sie rührt ab und zu in ihrem Glas. Gesprochen wird nichts. Die meisten Gäste sitzen da und starren mit leeren Blick auf den roten Vorhang, der das Lokal nach hinten schließt. Daniel kennt diese Stille, er beobachtet sie täglich an Silvy. Zuerst hat er geglaubt, die junge Sekretärin sei irgendwie krank, heute weiß er, dass das den meisten Jugendlichen so geht. Die Psychologen behaupten in den Monatszeitschriften, dies sei die Ruhe einer Psyche, die sich vollständig nach innen spiegle. Es ist die Folge der elektronischen Psychostimulation, die seit einigen Jahren die Popmusik abgelöst hat. Musik wird seitdem nicht mehr als Schallwelle durch die Luft, sondern als galvanischer Strom direkt ins Nervenzentrum übertragen. Dieser Strom bewirkt eine derart lebhafte Aktivierung des Unterbewusstseins, dass Realität und Vorstellung nicht mehr zu unterscheiden sind.

Langsam gleitet der Vorhang zur Seite. Bis auf eine elektronische Orgel steht die kleine Bühne leer. Gleichzeitig greifen die Hände der Gäste nach den feinen Stahlbügeln, die neben jedem Sitz angeklemmt sind. Kopfhörerartig stülpen sich die Jungen die Empfänger so über, dass die beiden handtellergroßen Elektroden an die Schläfen gepresst werden. Daniel hilft der etwas aufgeregten Lina, den Bügel so anzubringen, dass ihre Frisur nicht darunter leidet. Schließlich fühlt auch er an seinen Schläfen den sanften Druck des kühlen Metalls. Lina kuschelt sich erwartungsvoll an ihn. Beruhigend fasst er nach ihrer Hand.

Ein junger Mann betritt die Bühne. Sein Kopf ist kahlrasiert, er trägt einen schwarzen Smoking und eine taubengraue Krawatte. Mit einem schläfrigen Kopfnicken setzt er sich an das Instrument. Raubvogelartig stechen seine schlanken Hände auf die Tasten hinunter.

Der Schlag trifft Daniel genau zwischen die Augen. Klaffend spaltet sich sein Schädel, breiig aufgeweichte Bundesordner spritzen heraus, einzelne Paragraphen heulen wie Querschläger ins Nichts. Der ganze Inhalt seines wohlgeordneten Lebens strömt darüber hinaus ins All, formiert sich zu einer weit geschwungenen Spirale, die immer schneller rotierend in der Unendlichkeit verschwindet. Jetzt nimmt er erst die Töne wahr, sie zerren sanft und schmeichelnd von hinten an ihn. Haltlos kommt er sacht ins Gleiten, stürzt immer schneller rückwärts durch die Zeit. Er hört eigentlich nicht Musik, er ist selbst eine Folge von Tönen, die sich rhythmisch wiegen, zärtlich gestreichelt von der tiefen Vibration des Basses. Langsam beginnen die Töne zu leuchten, zuerst nur Farben, dann Gestalten, die in nie gekannter Hemmungslosigkeit zucken und tanzen. Sie locken ihn scherzend, er folgt zögernd. Jetzt steht er auf einer Straße, die sich vor ihm gabelt. Von rechts zwinkert Lina plötzlich, sie hat traurige Augen, weil er etwas vergessen hat. Links tanzt die Melodie, deren Bestandteil er ist. Es gibt keine Wahl, der Strudel saugt ihn auf. Schon ist er ein zuckerder Körper unter vielen. Er kennt sie alle, sie sind irgendwann schon verschwunden. Diese schräggeschnittenen Augen…

Silvy, natürlich! Das ist auch ihre Welt. Ihre Gestalt hat etwas von einer großen geschmeidigen Katze. Dieses Lächeln? Alles wird schlagartig klar und selbstverständlich. Noch immer ist der Bass da, seine Forderung ist direkt und einfach. Sie streckt ihm die Hand entgegen. Er folgt ihr im Wirbel einer farbigen Sonne. Nur noch diese Treppe, steil und hell. Oben sitzt sie, ihre Haut schimmert. Keuchend beugt er sich über sie. Vor ihm liegt die Welt. Sonnenbeschienene Täler wechseln mit weichen Hügeln. Ein hoher Ton hält ihn in der Schwebe, füllt seinen Schädel mit einer neuen Art von Leben. Er fühlt das Kribbeln tief unten in seinem Hirn aufsteigen. Alle Nervenden beginnen zu zittern. Weit draußen, an den Fingerspitzen ein Zucken, es erfasst die Arme, das Zwerchfell, den Nacken… Wie ein explodierender Stern reißt der Orgasmus seinen Körper auseinander.

Der Nebel hat jetzt alle Umrisse verschluckt. Das Elektrotaxi jagt sicher durch die Nacht. Lina spricht ununterbrochen. Er schaut durch das Fenster, seine Augen sind leer. …Sie wird mir das niemals glauben, die Müller, dabei habe ich alles wirklich erlebt. „Ich war die Queen“, man schrieb das Jahr 1973, mein Kleid war knöchellang und schneeweiß, er trug eine rote Uniform, mit Goldtressen besetzt, sein I do hallte durch die vollbesetzte Kirche…“ Draußen fährt Daniels Spiegelbild mit. Der Mast der ausgeschalteten Straßenbeleuchtung durchschlägt es in regelmässigen Abständen. Verschwommen fühlt er die Schläge. Welches ist nun sein Leben? Das Taxi mit Lina, der Queen, oder das Spiegelbild draußen im Nebel?

Schreiben Sie einen Kommentar